„Mehr Leidenschaft für Deutsch“

Der Präsident des Goethe-Instituts Professor Klaus-Dieter Lehmann im Gespräch über Sprache und Identität und warum es sich lohnt, Deutsch als Fremdsprache zu lernen. Professor Lehmann Bild vergrößern Professor Lehmann (© Deutschland-Magazin)

Herr Professor Lehmann, das Auswär­tige Amt und seine Partner, darunter auch das Goethe-Institut, haben 2010 die Initiative „Deutsch – Sprache der Ideen“ gestartet. Warum braucht die deutsche Sprache eine solche Kampagne überhaupt?

Ich halte die Sprachkampagne für wichtig, um die vielen einzelnen Initiativen und Projekte in der Welt zu bündeln und dadurch sichtbar zu machen. Damit schaffen wir ein deutliches Profil und erzeugen Mitnahmeeffekte. Doch es ist genauso bedeutsam für uns selbst, unserer Sprache mehr Aufmerksamkeit zu geben.

Die Auftaktveranstaltung in Berlin rückte den Spaß an der deutschen Sprache in den Mittelpunkt. Aber das Klischee, Deutsch sei eine besonders schwere Fremdsprache, hält sich hartnäckig. Wie weckt man die Lust am Deutsch­lernen?

Wissen Sie, ich halte den vermeintlichen Schwierigkeitsgrad einer Fremdsprache nicht für ausschlaggebend für die Motivation, sie zu lernen. Ich denke, dass das schlagende Argument immer die persönliche Attraktivität der Sprache ist. Ist die Sprache für mich relevant in der Karriereplanung? Benötige ich sie im Privaten? Öffnet sie mir attraktive Ausbildungsmöglichkeiten oder bietet sie mir einen weiterführenden Wissenszugang? Welchen Sympathiewert hat die Sprache für mich? Es sind die Antworten auf diese Fragen, die bei der Wahl einer Fremdsprache eine Rolle spielen. Natürlich ist in der Lernsituation dann die Fähigkeit der Lehrkraft gefragt, die Lerner mitzureißen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Goethe-Instituts vermögen genau das und überzeugen damit.

Welche Gründe sind in Ihren Augen die wichtigsten, um Deutsch zu lernen?

Die deutsche Sprache ist nach wie vor eng verknüpft mit ganzen Kultur- und Wissenschaftszweigen. Deutschland ist in der Wahrnehmung vieler immer noch das Land der „Dichter und Denker“: Deutsche Dichter oder auch Wissenschaftsdisziplinen wie Philosophie oder Psychologie können nur über Kenntnisse der deutschen Sprache erfahren werden. Darüber hinaus ist Deutschland ein Exportland, und viele deutsche Unternehmen agieren im Ausland. Die deutsche Sprache ist ein Faktor der eigenen Wettbewerbsfähigkeit und oft verbunden mit der Hoffnung um bessere berufliche Perspektiven. Deutschkenntnisse können den eigenen Aktionsradius erweitern – übrigens über den Einzelnen hinaus auch für das Gesamtunternehmen. Ein weiterer Grund ist nicht bei Menschen außerhalb Deutschlands zu finden, die Deutsch als Fremdsprache lernen, sondern bei Menschen mit Migrationshintergrund hier im eigenen Land. Sie lernen Deutsch oftmals als Zweit- oder Drittsprache. Das Deutsche ist für sie der Türöffner zur deutschen Gesellschaft, zu der sie ja auch gehören. Es gibt ihnen überhaupt erst die Möglichkeit der gesellschaftlichen Teilhabe, der Wahrnehmung ihrer Rechte. Ich denke, in Deutschland zu leben ist ein sehr wichtiger Grund, Deutsch zu lernen.

In welchen Ländern registriert das ­Goethe-Institut derzeit ein besonders großes Interesse, Deutsch zu lernen?

Da wäre zum Beispiel Indien zu nennen. Das Deutsche ist hier ein wirklicher Renner, und wir kommen mit unserem Angebot kaum hinterher. Ich denke, dass hier vor allem die Partnerschulinitiative in den vergangenen Jahren eine entsprechende Wirkung erzielt hat. Deutsch wurde verstärkt in die Schulen getragen. Wir beobachten im Übrigen an ganz unterschiedlichen Stellen, dass die Lernerzahlen im Erwachsenenbereich eher konstant bleiben und es hingegen Zuwächse vor allem im Schul- und hier ganz deutlich auch schon im Primarbereich gibt.

Und wo besteht eher Nachholbedarf?

Wir bemerken, dass die Lernerzahlen in manchen mittel- und osteuropäischen Ländern zurückgegangen sind. Doch ich denke, dass sie sich nach der euphorischen Aufbruchsstimmung des Epochenwechsels 1989/90 und der damit einhergehenden West-Orientierung nun auf einem realistischen Niveau eingependelt haben. Das Englische hat die Sprache Deutsch oft als erste Fremdsprache abgelöst – Englisch ist auch dort ein Werkzeug, eine Weltsprache eben. Damit können andere Sprachen gar nicht konkurrieren. Aber Deutsch bleibt doch vielerorts in Mittel- und Osteuropa die wichtigste zweite Fremdsprache.

Anglizismen sind im Deutschen heute allgegenwärtig. Finden Sie, dass die Muttersprachler zu wenig selbstbewusst mit ihrer Sprache umgehen?

Sehen Sie, ein Rundumschlag ist hier sicher nicht nützlich. Allerdings denke ich schon, dass wir unsere eigene Sprache pflegen sollten und auf keinen Fall nachlässig mit ihr umgehen dürfen. Sie trägt unsere Kultur, unsere Identität und ist gleichzeitig unser aller tägliches Handwerkszeug. Ich plädiere gern für mehr Leidenschaft für die eigene Sprache – das Deutsche darf für die Deutschen keine „Sprache für zu Hause“ werden. Wir sollten uns alle darum bemühen, die eigene Sprache lebendig und einsatzfähig zu halten, auch als Arbeitssprache. Im Gegenzug halte ich nichts davon, alle fremdsprachlichen Einflüsse zu verteufeln. Sprachen wandeln sich. Das war schon immer so.

Sie sind von der Ausbildung her Diplomphysiker und Bibliothekar. Wann haben Sie Ihre Begeisterung für die deutsche Sprache entdeckt?

Ich glaube manchmal, ich konnte früher lesen als laufen. Damit will ich sagen, ich bin ein enthusiastischer Leser und habe deshalb die deutsche Sprache von Kindheit an gepflegt und aufgenommen. Das galt für die Literatur wie später auch für die Physik. Klarheit und Vielfalt zeichnen die deutsche Sprache aus.

Welches ist Ihr liebstes deutsches Wort?

Augenblick – einen kurzen Zeitabschnitt so poetisch und gleichzeitig so exakt zu beschreiben, finde ich faszinierend.

Interview: Janet Schayan

Warum Deutsch lernen?

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